Die Prophezeiung

Ich habe alles gesehen und ich habe alles erlebt, alles hätte Gott zu meiner Geburt mit dem Finger auf mich gezeigt und verkündet: „Das Kind soll leiden!“ Spitze. Aber egal was mir widerfahren ist und egal welche Erfahrungen ich habe sammeln dürfen, auf eine Weise bin ich sehr dankbar – denn zumindest hat mir das alles eines gegeben: Ich hebe mich von der Masse ab. Ich bin einmalig. In einer gegen mich feindlichen Umgebung habe ich es vollbracht mich zu einem intelligenten, emphatischen Menschen zu entwickeln. Egal in welchen Sturm ich geraten bin, mein Schiff ist nicht gesunken. Und ich bin stolz.
Wo andere Menschen sich von der Meinung anderer abhängig machen, bestrebt den Anforderungen Dritter gerecht zu werden, bin ich unabhängig mit mir selbst zufrieden und authentisch – nicht nach Lob bestrebt und kritikresistent.

Meine Mutter ist mit Hilfe dubioser Mittelsmänner Anfang der 80er nach Deutschland gekommen, wo sie ihren Lebensunterhalt als „Bardame“ in einer Yugobar bestritt. Und hat sich aufgrund dessen, das ihr Name zu anstößigen Wortspielen eingeladen hatte, den Rufnamen „Marie“ angeeignet.

Trotz ihrer Arbeit in diesem Etablissement war es ihr gelungen ihre Jungfräulichkeit bis zur Eheschliessung mit meinem Vater zu wahren, den sie in besagter Bar kennen gelernt hatte. Die beiden bewohnten ein schäbiges Zwei-Zimmer-Appartment mit meiner Tante und deren Lebensgefährten, bis sie mit mir schwanger war und sie durch einen Glücksfall eine eigene kleine Einzimmerwohnung mit separatem Waschraum haben beziehen können.

Zu meiner Geburt war meine Mutter in einer privaten Entbindungsklinik eingewiesen, von der mein Vater nach Hause geschickt worden war mit dem Hinweis das sich die Geburt noch längere Zeit hinziehen und er angerufen würde, sobald sich die Umstände ändern würden.

Um 12 Uhr 13 eines Mittwochs war ich schließlich in seiner Abwesenheit geboren, da die angekündigte telefonische Benachrichtigung versäumt worden war. Als er schließlich auf Eigeninitiative wieder in der Klinik vorbei kam um sich nach meiner Mutter zu erkundigen, legte sie mich enttäuscht in seine Arme und meinte das ich hässlich sei.

„Wie hässlich sie ist.“, sollen die genauen Worte gewesen sein und daran gibt es auch nichts zu zweifeln, da sie gerne selbst davon berichtet hat. Sie hatte sich einen Jungen gewünscht und als ich dann das Licht der Welt erblickt hatte, war es ihr nicht möglich gewesen sich mit diesem Umstand zu arrangieren. Das hat sich auch nie geändert.

Als Kind war ich unerwünscht, als Teenager war ich lästig und als erwachsene Frau war ich verabscheute Konkurrenz. Ich war immer zu faul, zu fett oder zu dünn, zu hässlich, zu dumm, zu aufmüpfig, zu stur, zu was auch immer, aber Vorwürfe und Kritik waren die Regel.

Mit meinem Bruder war das von Anfang an natürlich etwas anderes. Das Kind war eine Steißgeburt, konnte erst nach Minuten reanimiert werden und hat seine ersten Lebenswochen im Brutkasten verbringen müssen. Sie war verzweifelt, hat die ganze Zeit an seiner Seite verbracht und nach ihrem Sinn mit dem Kind um sein Leben gekämpft, bis er endlich als stabil galt und das Krankenhaus hat verlassen dürfen.

Da war das Muttergefühl, der Beschützerinstinkt – die Liebe.

Im Kindergarten hat er die anderen mit der Schere geschnitten, in der Grundschule hat er sich geprügelt und auf der Gesamtschule war er längst Rauschmittelsüchtig. Dennoch war er immer über alle Kritik erhaben. Meine Mutter war davon überzeugt das die Lehrer ihm gegenüber voreingenommen wären da ich zuvor so eine aufmüpfige Schülerin gewesen sei und die vielen Sanktionen wären Schikane, weil es zuvor nicht gelungen war mir eins rein zu würgen. Sie war damals schon auf dem Streitzug gegen die voreingenommene Autorität und hatte nicht akzeptieren können das ihr Sohn auf Grund seiner Intelligenz benachteiligt wurde.

Für sie war alle Welt eifersüchtig und stand in Konkurrenz gegen ihren Sohn, weil er einfach zu großartig war. Das hörte nicht bei den Lehrern und dem Jugendamt auf, ein Großteil ihrer Beziehungen fanden ein abrupptes Ende sobald sie meinen Bruder ungerecht behandelt oder benachteiligt sah.

Nach seinem miserablen Hauptschulabschluss räumte sie ihm ein „Erholungsjahr“ ein und tat seinen Abrutsch in die Punkszene, den Alkohol und Drogenmißbrauch als notwendige Rebellionsphase ab, die sie sogar unterstützte weil sie meinte, das diese Erfahrungen für seine Entwicklung zu einem „richtigen“ Mann sogar notwendig wären. Er müsse diese Erfahrungen sammeln um für die Schwierigkeiten des Lebens gerüstet zu sein.

Dazu hatte sie ihre Parolen, die er immer wieder zu hören bekam: „Wenn dich jemand angreift musst du dich verteidigen!“ „Niemand darf deine Ehre oder die Ehre der Familie verletzen!“ „Blut für Blut!“ „Egal welche Steine man dir in den Weg legt, du musst dich durchbeissen!“ „Zwischen uns kommt nichts!“ „Man wird immer versuchen dich klein zu machen, aber du bist grösser als alle!“, etc.

Ihre Erwartungen begründeten sich durch die Aufnahmen einer Weissagerin, die ihr in einer mehrstündigen Sitzung kurz nach der Trennung meiner Eltern die Karten gelegt und prophezeit hatte, das ihr Sohn „etwas besonderes“ sei. Ihr Sohn eine „höhere Stellung“ erreichen würde. Er eine „Führungspersönlichkeit“ sei, die „Ansehen“ und „Bewunderung“ erlangen würde. Er der „Stolz“ meiner Mutter sein würde, – bla bla

Zwei, drei Kassetten waren das gewesen, die sie während unserer Jugend regelmäßig vor der Heizung im Flur sitzend angehört hat, um immer wieder neue verheissende Prophezeiungen heraus zu hören. Ich hätte sie beinahe vergessen, wenn sie diese Bänder nicht wieder aus der Schublade gekramt hätte, nachdem wir das Obergeschoss ihres Eigenheims bezogen hatten. Aber kaum das ich die Stimme der alten Frau wieder hörte, hatte mich die Vergangenheit eingeholt und mir wurde bewusst, das ich mich in einer Situation befand, deren Wurzeln so weit in der Vergangenheit lagen und so tief reichten, das sich niemals eine Veränderung würde erreichen lassen.

Hellen hat die Weissagerin geheissen, war eine alte Bekannte meines amerikanischen Onkels gewesen, der während seines Militärdienstes bei ihr gewohnt hatte. Wir hatten meine Mutter damals bei dieser alten Frau abgesetzt und sind für die Dauer dieser Tarot-Karten-Interpretation mit ihm im Park gewesen und haben in einem Eiscafe Eis gegessen.

Es war als hätte ich einen Schritt nach hinten getan, so dass sich mir ein besserer Blick auf das ganze Bild ermöglichte, das meine Familie, meine Vergangenheit, die Entwicklungen, die Gegenwart und Probleme darstellte – und da gingen mir die Augen auf. Meine Mutter war schon viel länger krank, als die zehn Jahre die sie unter Behandlung gegen Depressionen stand und es waren nicht nur die vielen Medikamente die sie zu dem gemacht haben. Nur war ich seit jeher vergeblich bemüht gewesen einen Menschen zurück zu gewinnen, den es so wie ich ihn mir vorstellte, nie gegeben hat. Meine Wunschvorstellungen die ich über meine Mutter hatte, waren nichts als Lügen, mit denen ich meine Augen für die Realität geblendet hatte. Da war nichts das ich wieder hätte gutmachen können. Da war niemand dem ich hätte helfen können. Und es hatte auch nie eine Situation gegeben, die alles ausgelöst hat und die ich hätte verhindern können. Und vor allen Dingen: Ich war nicht der Abfall für den mich meine Familie gehalten hat. Ich war ganz einfach nicht das gewesen was meine Mutter von mir erwartet hatte. Ihr gegenüber hatte ich meinen Wert schon eingebüßt, als ich mit dem falschen Geschlecht geboren worden war. Niemals hatte ich etwas richtig machen können, nicht für sie, und mein Bruder hatte nie etwas falsch machen können, nicht für sie – weil er der Sohn war den sie sich gewünscht hatte und er war der Held, weil es ihr Prophezeit worden war. Punkt.

Ich hörte die Stimme von Hellen und sah mich aus der Ferne an meinem Schreibtisch sitzen, meine Mutter am Esstisch im Untergeschoss die wieder in diesen Weissagungen abtaucht und meinen Bruder zwei Zimmer von mir entfernt, hinter verschlossener Tür, auf einer von Messern und Waffen umringten Couch. Der Messias meiner Mutter. Ihr Held.

Ich sah die Szene vor mir, wie sie an eben jenem Esstisch gesessen und ihm das Holster für seine Waffe so angepasst hatte, wie er es sich gewünscht hat. Die Norinco NZ85B mit Schalldämpfer, mit der er eine Frau erschossen hat um sich als Henker für die Russen zu qualifizieren. Mein Bruder der mir erklärt hatte, das ich lebensunwert sei und der entschlossen hatte es sich zu seiner Aufgabe zu machen mich unter seine Fittiche zu nehmen, mich umzupolen und mich all das zu lehren, was mich zu einem für ihn lebenswerten Individuum machen sollte. Der mir seit eineinhalb Jahren meine Freiheit genommen hat und jeden meiner Schritte seinem Urteil und seiner Vollmacht unterwarf, in dem er mir mit dem Tode und dem Tod meines Sohnes drohte. Dem ich mich unterwerfen musste, da ich sonst meinen Sohn gehäutet und mit in „Schmetterlingsform“ gespaltenem Brustkorb über seinem Bett hängend zu finden bedroht war.

Lebensunwert. Ich. Die als Kind von meinem Vater misshandelt worden war, ohne das meine Mutter je eingegriffen hätte. Wieviele Männer ich in meinem Leben habe kommen und gehen sehen, auf der Suche meiner Mutter nach dem Gönner, der ihr das Leben finanzieren hätte sollen. Ihr Ex-Mann der besoffen in mein Zimmer gekommen war und sie die keinen Schritt getan hatte, obwohl das ganze Haus mich hat schreien hören. Die Wochen die ich obdachlos war, weil ich ihr die Dauerwelle falsch aufgewickelt hatte. Mein Brautpreis von 7000 Euro für den sie mich verkauft hatte, um eine Anzahlung auf einen Kredit leisten zu können für ihr eigenes kleines Häuschen.

An Ort und Stelle wurde ich von der Vergangenheit und der Gegenwart erschlagen. Endlich war der Moment gekommen nach dem ich mich gesehnt hatte. Der Augenblick in dem mir ein Licht aufging und der mich von allem, was so viele Jahre an mir gehaftet hatte, befreite. Ich begriff dass das nicht mein Platz war. Zum ersten Mal verstand ich das mein Leben furchtbar war – richtig furchtbar und ich wurde mir bewusst das ich für mich selbst verantwortlich war. Ich musste weg, weil es nie besser werden würde wenn ich weiter nur akzeptierte was um mich herum geschah. Mir wurde klar das es ganz und gar nicht in Ordnung war einfach weiter einzustecken und zu ertragen, weil es etwas besseres gab. ICH müsste nicht mehr Opfer sein und wäre zu mehr fähig, wenn ich nur diesem Ort entfliehen würde und diesen Personen.

Ab diesem Augenblick hatte ich Freiheit erlangt, da es keine Fragen mehr gab die einer Antwort bedurften. Ich hatte mich von dem Wunsch verabschiedet meine Mutter wieder ohne den Einfluss ihrer Medikamente erleben zu wollen und ich hatte keine Angst mehr vor der Intelligenz meines Bruders. Ich hatte mich entschieden und meinen Plan gefasst. Ich würde zur Polizei gehen und ihnen meinen Bruder als den Mörder liefern nach dem sie seit Monaten erfolglos fahndeten. Damit ich in Ruhe würde gehen können mit der Gewissheit, das es keine weiteren Opfer gäbe. Diese letzte Rettung stand ich meiner Mutter zu, die längst auf seiner Liste geführt war. Weil er fest entschlossen war sie zu töten, sobald er diesen Standort verlassen würde und das wäre geschehen sobald ich nicht mehr da gewesen wäre.

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Myself Customized

Zeit für einen Neuanfang. Ich hatte ein mäßig erfolgreiches Blog mit regelmäßigen Lesern, aber das habe ich jetzt gelöscht. Ich will anonym sein und ich muss anonym sein.

Jetzt bin ich auf einem Zwischengleis abgestellt. Die Vergangenheit gilt es zurück zu lassen, die Gegenwart ist Chaos und die Zukunft im Augenblick nur eine Blaupause.

Jeder bisherige Lebensabschnitt war ein ganz eigener Horror. Ich kann nicht nur ein Buch mit meinen Geschichten füllen. Gut strukturiert wären es mindestens drei. Ein Buch über meine Mutter, ein Buch über meinen Bruder und ein Buch über meine gescheiterte Ehe.

Ich habe schon vielen Menschen gegenüber gesessen die meine Geschichte kennen, oder denen ich sie habe erzählen müssen – darunter Kriminalbeamte, Richter, Staatsanwälte und Sozialarbeiter – und alle waren sich in einem Punkt einig: Was ich erlebt habe sei unglaublich. Wie im Film.

Jetzt bin ich im Zeugenschutz und mir dämmert, das ich niemals irgendwo hinein passen werde. Ich bin einfach „anders“ weil meine Erfahrungen „anders“ waren.